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Michael Sohlmann

Direktor der Nobelstiftung

1. Wenn jedes Jahr Mitte Oktober die Träger der Nobelpreise bekannt gegeben werden, blickt die Welt voller Spannung nach Skandinavien. Keine andere Preisverleihung der Welt weckt ähnlich großes Interesse. Wer war dieser Alfred Nobel, der das Dynamit erfand - das doch häufig zu kriegerischen Zwecken verwendet wurde - aber auch den bedeutensten Friedenspreis gestiftet hat? Alfred Nobel, 1833 in Stockholm geboren, war vor allem ein Kosmopolit. Die Familie Nobel stammte ursprünglich aus dem Dorf Nöbbelöv in Südschweden. 1842 machte der Vater Immanuel, ein Erfinder und Industrieller in Stockholm bankrott und zog mit seiner Familie nach St. Petersburg. Alfred bekam eine vielseitige Ausbildung, lernte fünf Sprachen und interessierte sich hauptsächlich für Chemie und Physik. Bereits im jungen Leben führten ihn Bildungsreisen nach Deutschland, Frankreich und in die Vereinigten Staaten.

2. Im Jahr 1863 kehrte Alfred mit den Eltern von Rußland nach Schweden zurück und wurde Chemiker in den väterlichen Pulverlaboratorien in Heleneborg bei Stockholm. Die Fabrik wurde bald darauf durch eine Explosion zerstört, die mehreren Menschen das Leben kostete, unter ihnen war auch sein jüngsten Bruder Emil Oskar. Der Vater war seither ein gebrochener Mann. Alfred Nobel ließ sich durch dieses tragisches Unglück aber nicht abbringen, erhielt schon 1864 ein Patent für seine epochale Erfindung des "Nobel-Zünders" und im gleichen Jahr entstand auch seine Firma "Nitroglyzerin". Die Weiterentwicklung des Sprengstoffes Nitroglyzerin in fester Form wurde 1866 als "Dynamit" patentiert - eine Erfindung die damals die Sprengstofftechnik im Straßenbau revolutionierte. Mit Hilfe des neuen Dynamits konnte auch die Fertigstellung des St. Gotthardtunnels erheblich beschleunigt werden. Durch andere Erfindungen beeinflußte Alfred Nobel die Entwicklung von Synthetgummi und Kunstleder. Er arbeitete auch an neuen fernmeldetechnischen Methoden und an Alarmanlagen. Alles in allem soll er es auf 355 Patente gebracht haben.

3. Aber Nobel war nicht nur als Erfinder, sondern auch als Industrieller erfolgreich und gründete etwa neunzig Fabriken und Firmen in zwanzig Ländern - auf allen fünf Erdteilen. Sein weltweites Industrieimperium sollte, wie er es in seinem Testament festlegte, zur finanziellen Grundlage für den Nobelpreis werden und dem Fortschritt der Menschheit dienen. Zwei Seelen wohnten in Nobels Brust: die des Wissenschaftlers und Erfinders, des geschäftstüchtigen Waffenherstellers und die des friedensuchenden Philanthropen. Nobel hielt es nie lange am selben Ort aus. Er lebte zeitweise in Frankreich, zeitweise in Italien. Erst am Ende seines Lebens kaufte er sich ein Haus in Schweden. Während seines ganzen Lebens blieb Nobel ein einsamer Mensch, ohne eigenes Heim und ohne Familie. Selbst hat er sich einmal den "reichsten Vagabunden Europas" genannt.

4. Sein berühmtes Testament unterschrieb er am 27. November 1895. Es sollte die philantropischen Ziele verwirklichen, für die er gelebt hatte. Er bestimmte, daß der größte Teil seines Vermögens, über 31 Millionen schwedische Kronen, in einen Fond verwandelt und als Kapital angelegt werden sollten. In seinem Letzten Willen, von nicht einmal dreihundert Worten, legte er fest, daß die Zinsen in fünf gleichen Teilen für die Preise in Physik, Chemie, Medizin, Literatur für denjenigen, der das "Vorzüglichste in idealer Richtung geschaffen hat", sowie für den Friedenseinsatz verwendet werden sollte. Er war er von den pazifistischen Ideen Shelleys beinflußt, aber auch vom Zusammentreffen mit der Friedenskämpferin Bertha von Suttner, der ersten Frau die den Friedenspreis verliehen bekam. Alfred Nobel verstarb am 10. Dezember 1896, wie er gelebt hatte, allein in seinem Haus im itlaienischen San Remo. Im Jahr 1900 wurde die Nobelstiftung als unabhängige, nichtstaatliche Organisation und alleinige Besitzerin des Fonds gegründet. Der Verwaltungsrat besteht aus sechs ordentlichen und drei stellvertretenden schwedischen oder norwegischen Mitgliedern. Der Vorsitzende und sein Stellvertreter werden von der schwedischen Regierung ernannt.


INTERVIEW

1. Es gibt mehr und mehr Stiftungen, Preise und Auszeichnungen in der Welt. Warum ist der Nobelpreis seit seiner Gründung vor fast hundert Jahren eine Art der Preis der Preise geworden?

1. Der Nobelpreis ist eigentlich mehr als ein Preis, er ist heute ein eigenständiger Begriff, ein "generic term", wie ihn ein englischer Politiker genannt hat. Zunächst zur Geschichte: Der Preis wurde Ende des letzten Jahrhunderts gestiftet, zu einer Zeit, als sich der Nationalismus überall ausbreitete. Von Beginn an stand er als universeller, globaler und kosmopolitanischer Preis im Gegensatz zum nationalistischen Denken auch dadurch sofort weltbekannt. Dann spielt natürlich auch die ansehnliche Geldsumme eine Rolle. Inzwischen beläuft sich jeder Preis auf sieben Millionen Schwedische Kronen, das sind ungefähr 1, 4 Millionen DM. Damit ist der Nobelpreis weiterhin der höchst dotierte Preis überhaupt. Dabei geht es natürlich nicht in erster Linie um das Geld, sondern das Ansehen. Dazu kommt das einzigartige Auswahlverfahren , mit dem man auf der ganzen Welt nach den "würdigsten" Vertretern des jeweiligen Faches sucht.

Die Preise erregen ein recht unterschiedliches Interesse in der Öffentlichkeit. Am bekanntesten ist sicher der Friedenspreis, für den das norwegischen Nobelkomitee in Oslo zuständig ist. Man muß kein Fachmann sein, um sich sein eigenes Urteil über diese Preisträger zu bilden. An zweiter Stelle in punkto Aufmerksamkeit steht der Literaturpreis.

3. Wie kam es zur Gründung des Nobelpreises?

3. Alfred Nobel hatte keine Familie, sonst wäre er vielleicht gar nicht zu dieser Stiftung gekommen. Schon lange hatte er sich mit dem Gedanken getragen, sein riesiges Vermögen, daß er hauptsächlich am Sprengstoff verdient hatte, für ideelle Zwecke einzusetzen. Damit wollte er besonders jungen Wissenschaftlern am Beginn ihrer Laufbahn die Möglichkeit geben, sich ganz ihrer Arbeit und der Forschung ohne finanzielle Sorgen widmen zu können. Nobel hoffte, daß er auf diese Weise statt leiblicher Erben zahllose "geistige" Erben bekommen würde. Aber in der Realität hat sich die Geschichte der Preisvergabe in diesem Punkt anders entwickelt. Bisher sind die Preise stets nur an ältere Wissenschaftler, Literaten oder andere hochverdiente Persönlichkeiten verliehen worden, die bereits einen wesentlichen Beitrag in der Wissenschaft, in der Literatur oder für den Frieden geleistet haben.

4. Bernhard Shaw hat also recht gehabt, als er sagte, er habe den Nobelpreis zu einem Zeitpunkt bekommen, als ich ihn eigentlich nicht mehr brauchte?

4. Sicher, die meisten doch schon älteren Nobelpreisträger brauchen diese Medaille, die wie ein goldener Schlüssel viele Türen öffnet, weniger als junge Wissenschaftler. Der Nobelpreis ermöglicht den Zugang zu vielen Stipendien und staatlichen Unterstützungen. Manche Forscher waren in Instituten tätig, die geschlossen werden sollten. Als bekannt wurde, daß ein Mitarbeiter mit dem Nobelpreis ausgezeichnet worden war, fanden sich dann plötzlich doch noch die Mittel um die Institute weiterhin zu finanzieren. Nobelpreisträger werden zu einer besonderen Spezies Mensch.

5. Welche Rolle spielte die Österreicherin Bertha von Suttner für beim Friedenspreis?

5. Bertha von Suttner, eine geborene Gräfin Kinsky, hat einen ziemlichen Einfluß auf Nobel gehabt. Ihr Werk "Die Waffen nieder!" von 1889 hat damals großes Aufsehen erregt. In menschlichen Beziehungen war Nobel sehr zurückhaltend, aber in Bertha von Suttner hat er sich verliebt. Sie kam nach Paris um für ihn als Privatsekretärin zu arbeiten, blieb nur ganze zehn Tage lang und kehrte zu ihrem Verlobten dem Schriftsteller A.G von Suttner zurück. Die beiden blieben Freunde und führten auch später einen tiefgreifenden Dialog über die Friedenserhaltung.

Nobel, der schon von Jugend an ein Freund des Friedensgedanken war, stand den Methoden der Friedensbewegungen zunächst kritisch gegenüber. Bertha von Suttner arbeitete auf diplomatischen Weg, sie organisierte zahlreiche Konferenzen, brachte viele Leute in der Hoffnung zusammen, daß durch Begegnungen der Frieden gesichert werden könnte. Nobel hingegen stellte sich vor, daß die Waffenentwicklung soweit getrieben werden sollte, bis es sich für jeden feindlichen Gegner zu gefährlich werden würde, einen Angriff zu wagen. Eine Äußerung von ihm bezeugt das: "An dem Tag, an dem zwei gegnerische Armeekorps in einer einzigen Sekunde vernichtet werden können, werden alle zivilisierten Nationen vor einem Krieg zurückschrecken und ihre Truppen nach Hause schicken. "

6. Nobel schwebte also schon so etwas wie das Konzept der Abschreckung vor, wie es im Kalten Krieg Wirklichkeit werden sollte?

6. Ja. Aber Nobel und Suttner hatten zunächst unterschiedliche Vorstellungen. Nobel schrieb: "Meine Fabriken werden vielleicht dem Krieg früher ein Ende setzten als Ihre Kongresse. " Er beteiligte sich auch an einer ihrer Konferenzen. Es steht außer Frage, daß die Anregung für einen Friedenspreis, für die "beste Arbeit für die Verbrüderung der Völker" auf Bertha von Suttner zurückgeht. Alle fünf Preise spiegeln aber auch Nobels eigenen Interessen wider. Er war, neben der Chemie und der Physik, auch sehr an medizinischer Forschung interessiert und hat schon früher in Schweden und in Rußland medizinischen Institutionen unterstützt. Auch die auch die Literatur erschien ihm wichtig. In Paris wurde er zum Beispiel mit Victor Hugo bekannt.

7. Was hat Nobel dazu bewogen, den Friedenspreis durch die norwegische Nationalversammlung überreichen zu lassen

7. Da sind wir auf Vermutungen angewiesen, weil es keine schriftlichen Aufzeichnungen von Nobel gibt. Damals waren Schweden und Norwegen durch eine politische Union verbunden. Norwegen besaß eine demokratischere Verfassung und das "Storting" die Nationalversammlung, wurde demokratischer gewählt als das schwedische Parlament. Nobel betrachtete sich selbst als Sozialdemokraten. Ihm schwebte als Ideal ein demokratische System vor, wie in den Vereinigten Staaten, aber mit einer starken Exekutive. Daher erschien es Nobel fast selbstverständlich den Friedenspreis, dem ausgesprochen demokratischen Parlament Norwegens zu überlassen. Vielleicht hoffte er auch die damals bereits bestehenden Spannungen zwischen Schweden und Norwegen zu mildern, die dann 1905 zur endgültigen Trennung beider Länder führen sollten.

8. Dann gibt es neuerdings auch noch einen Ökonomie-Preis. Unterscheidet er sich von den, von Nobel direkt gestifteten Preisen?

8. Im Jahr 1968 wurde ein "Preis für Wirtschaftswissenschaft zu Alfred Nobels Gedächtnis" von der Schwedischen Reichsbank eingesetzt. Heute nennt man ihn in den Medien auch Nobelpreis. Um genau zu sein, handelt es sich aber um einen Erinnerungspreis an Alfred Nobel - auch wenn er den selben Kriterien und dem selben Auswahlverfahren unterliegt. Bei der Preisverteilung findet auch die gleiche Zeremonie in Anwesenheit des Königs statt.

9. Besteht die Möglichkeit, einen ähnlichen Preis auf anderen Gebieten, zum Beispiel für den Umweltschutz zu schaffen?

9. Da gab es schon einige Initiativen, unter anderem vom amerikanische Vizepräsidenten Al Gore. Er hat schon einige Male vorgeschlagen, einen solchen Preis einzurichten. Aber für uns ist der Ökonomie-Preis aus dem Jahr 1968 die große Ausnahme, bei der man es bewenden lassen will. Die Komiteemitglieder wünschen, daß es keinen zusätzlichen Preis mehr geben soll. Man will bei den heutigen Spielregeln bleiben: fünf Nobelpreise und ein Ökonomie-Preis.

10. Könnten Sie etwas über die Nominierung der Kandidaten sagen...

10. Das ist ein sehr interessanter, wenig bekannter Aspekt des Nobelpreises. Jede Disziplin hat besondere Regeln. Allen gemeinsam ist, daß ausgewählte Personen aufgefordert werden, Kandidaten vorzuschlagen. Jedes Jahr verschicken die Nobel-Komitees an Wissenschaftler, Mitglieder von Akademien und Universitätsprofessoren auf der ganzen Welt an die 2000 Aufforderungen Kandidaten vorzuschlagen. Die Vorschläge müssen vor dem 1. Februar eintreffen, später werden sie nicht mehr berücksichtigt. Dann beginnen die verschiedenen Nobel-Komitees, die Vorschläge zu prüfen. Im Frühherbst unterbreiten sie den Institutionen, von denen die Preise verliehen werden, ihre geheimen Empfehlungen. Auch alle früheren Nobelpreisträger können Vorschläge einreichen.

Die Nobel-Institutionen sind die Königliche Akademie der Wissenschaften für Physik und Chemie mit ihren rund 275 Mitgliedern und die 50- köpfige Nobel-Versammlung des Karolinska Instituts für Medizin. Für Literatur und Wirtschaftswissenschaft sind es die 18 Mitglieder der Schwedischen Akademie, sowie Professoren für Literaturwissenschaft oder Präsidenten von Autorenverbänden. Die entscheidende Rolle fällt den fünf Nobel-Komitees mit ihren jeweils fünf Mitgliedern zu. Mit Hilfe dieses gut durchdachten Systems sollen nationale und regionale Bevorzugungen oder Benachteiligung vermieden werden. Zusätzlich werden noch norwegische, schwedische, aber auch Experten aus anderen Ländern hinzugezogen. Wir geben eine ziemlich hohe Summe aus, um die richtigen Kandidaten zu finden. So behält der Preis auch seine besondere Qualität. Wir zahlen die Nobelpreise, die Reichsbank zahlt den Preis für Ökonomie. Bis Mitte Oktober, ehe die endgültige Entscheidung fällt, darf nichts an die Öffentlichkeit dringen.

11. Man hört immer wieder Kritik, daß bei wissenschaftlichen Teamarbeiten manchmal der falsche Mann, oft der Teamleiter eines Forschungsprojekts den Preis bekommt und nicht der eigentliche Entdecker. So wurde 1974 der Nobelpreis für Physik an Antony Hewish verliehen für die Entdeckung von "Radiosternen", die von der Doktorandin Jocelyn Bell entdeckt worden waren. Hewish hatte als Leiter des Forschungsteams die wissenschaftliche Veröffentlichung mitunterzeichnet...

11. Hier ein Urteil zu fällen, ist für mich schwierig. Aber die Nobel-Komitees befinden sich immer in einem Dilemma, wenn sie sich für die richtige Personen entscheiden müssen. Aus diesem Grund werden die naturwissenschaftlichen Preise immer häufiger unter zwei Preisträgern aufgeteilt. Bei einem ganzem Team ist es oft sicher nicht leicht herauszufinden, wer die entscheidende Entdeckung oder Erfindung gemacht hat. Heutzutage ist die naturwissenschaftliche Forschung doch sehr global geworden. Mit dem Preis soll auch eine neuer Trend in der Forschung ausgezeichnet werden. Das alles hat sich seit Nobels Tagen grundlegend geändert.

12. Wenn wir nochmals auf den Literaturpreis zurückkommen, ist es aus heutiger Sicht schwer verständlich, warum so große Schriftsteller wie Strindberg, Ibsen oder Tolstoi den Preis nicht bekommen haben.

12. Gerade der Literatur- Preis erscheint im Rückblick am problematisch. Bei der Auswahl der Laureaten ging bis zum Zweiten Weltkrieg von sehr engen Kriterien vor und ließ sich von dem konservativen Geschmack jener Epoche leiten. Gerade das unterscheidet den Literaturpreis von den Preisen in den Naturwissenschaften. So wurde 1901 wurde Wilhelm Röntgen geehrt, der unsterblich geblieben ist. Wer aber kennt noch den im gleichen Jahr ausgezeichneten französischen Dichter Sully Prudhomme?

Mißverständnisse sind auch durch Nobels Testament entstanden.

Weil er lange in Frankreich gelebt hatte, sprach er ein eher altmodisches Schwedisch. Er hatte geschrieben, es solle der ausgezeichnet werden, der in der Literatur das Vorzüglichste in "idealer" Richtung geschaffen habe. Im Text hat er das Wort "idealisk" verwendet, was auf deutsch "ideal" bedeutet. Er hat möglicher Weise die Begriffe "ideal" und "ideell" verwechselt, wahrscheinlich soll aber ideell heißen. Das Nobel-Komitee war daher der Ansicht, die Literatur-Laureaten müssten den gängigen Moralvorstellungen entsprechen. Strindberg und Ibsen aber standen Zeit ihres Lebens in Opposition zur bürgerlichen Gesellschaft. Und bei Tolstoi glaube ich war es so, daß er den Preis gar nicht wollte.

13. Warum aber hat man gerade Winston Churchill 1953 den Nobelpreis für Literatur verliehen?

13. Churchill ist ein Sonderfall. Er hatte das Komitee aus verschiedenen Gründen beeindruckt. Man wollte seine bedeutenden geschichtlichen Schriften auszeichnen, aber indirekt und zwischen den Zeilen hat man bestimmt auch der großen geschichtlichen Rolle gedacht, die er gespielt hat.

14. Aus welchem Grund hat Jean-Paul Sartre 1964 den Nobelpreis für Literatur abgelehnt?

14. Sartre tat es aus ideologischen Gründen. Er wollte damit seine Anti-Establishment Haltung ausdrücken. Der Nobelpreis paßte nicht in sein Weltbild. 1958 hatte Boris Pasternak den Preis zu nächst angenommen, wurde später aber von dem sowjetischen Staat gezwungen, darauf zu verzichten. Er ist bis zu seinem Tod 1960 offiziell verfehmt geblieben. Einsicht in die Einzelheiten, wie es zu einer bestimmten Preisverleihung gekommen ist, gibt es erst nach fünfzig Jahren und dann auch nur für ausgewählte Personen.

Mit dieser hohen Diskretion und Geheimhaltung will man die Beteiligten von Unannehmlichkeiten bewahren.

15. Gibt es heute eine Tendenz besonders beim Literaturpreis möglichst alle Erdteile zu berücksichtigen?

15. Nein, geopolitische Überlegungen sollen ausdrücklich keine Rolle spielen. Man kann aber sagen, daß der Blickwinkel der Schwedischen Akademie heute weltweit ausgerichtet ist. Man verfolgt mit großer Aufmerksamkeit die Entwicklungen in verschieden Kulturkreisen, auch in weniger bekannten Sprachräumen. Regionale oder nationale Kriterien würden Nobels Vorstellungen widersprechen. Er wollte den Beitrag geehrt wissen, den eine bestimmte Frau oder ein bestimmter Mann für die Menschheit geleistet haben.

16. Wenn man sich die Statistik der Nobel-Preise anschaut, stellt man fest, daß die angelsächsische Welt mit Abstand die meisten Preise erhalten hat. Für die Vereinigten Staaten einschließlich des Ökonomie-Preises sind es 210 und für England sind 84. Spiegelt sich darin die Schöpferkraft und besonderen Arbeitsbedingungen dieses Kulturraums wider?

16. Es ist eine Kombination von Dingen. Bis 1933 war Deutschland sehr stark vertreten, es steht mit insgesamt 71 Preisen immer noch an dritter Stelle. Häufig waren es deutsche Emigranten, Wissenschaftler und Forscher. Darunter befanden sich viele Juden. Sie hatten solange in der deutschen Kultur gelebt, bis sie im Drittten Reich plötzlich keine Deutschen mehr sein sollten.

Seither haben sich die Preise bei den Angelsachsen gehäuft, aber viele amerikanische Preisträger kamen ursprünglich aus Europa. Heute sind sicher die amerikanischen Wissenschaftern führend.

Die Nobelstiftung hat ist im Verlauf der Zeit selbst auch mit Preisen von anderen Stiftungen bedacht worden. Die italienisch-schweizerische Balzan-Stiftung hat uns 1962 geehrt und die japanische Inamori-Stiftung in Kyoto1985 bei ihrer ersten Preisverleihung ausgezeichnet. Dieses Fonds verwenden wir für verschiedene Nobel-Symposien; ich selbst führe den Vorsitz im Komitee, das darüber entscheidet. Bei diesen Symposien treffen sich führenden Wissenschaftler, und auch da überwiegen die Teilnehmer aus den USA bei weitem.

17. Nochmals zum Friedenspreis. Gibt es einen Prototyp von Menschen für den Friedenspreis, wie zum Beispiel Mutter Theresa?

17.... Und wie Rigoberta Menchu Tum aus Guatemala oder Aung San Suu Kyi in Burma, die sich mutig, unter dem Verlust ihrer persönlichen Freiheit für die Demokratie und Frieden eingesetzt hat.

Es gibt zwei Kategorien von Kandidaten: Einzelmenschen, die eine besonderen Beitrag für den Frieden in einer bestimmten Region oder auch für die ganze Welt geleistet haben. Es werden aber auch Institutionen ausgezeichnet, wie das Rote Kreuz und Amnesty Internatonal.

18. Man kann sich aber fragen, ob es sinnvoll ist Institutionen auf diese Weise auszuzeichnen, deren eigentliche Aufgabe es doch ist, dem Frieden und der Freiheit zu dienen.

18. Gerade Amnesty ist eine Organisation, die von der Initiative einzelner lebt und eine große Rolle bei der Verteidigung von Menschenrechten spielt. Beim Roten Kreuz ist es ähnlich. Mit dem Friedensnobelpreis sollen besonders die humanitären Ziele ausgezeichnet werden, mit denen diese Institutionen einen Beitrag für den Weltfrieden leisten.

19. Und wie war es beim Dalai Lama?

19. Im Jahr 1989 gab es Schwierigkeiten mit den Chinesen, wie mit anderen totalitären Regimen. Dazu eine Parallele: 1937 wurde Carl von Ossietzky ausgewählt, der sich in einem Konzentrationslager befand. Daraufhin erließ Hitler sofort ein Verbot für alle Deutschen den Nobelpreis anzunehmen. Bei den Sowjets waren wissenschaftliche Nobelpreise sehr beliebt, hingegen wurden Literatur- und Friedenspreise abgelehnt. Totalitäre Regime können sich nicht vorstellen, ja es widerspricht geradezu dem Wesen jeder Diktatur, daß ein Gremium, wie das Nobelkomitee, politisch unabhängige Entscheidungen fällt. Man meinte, die norwegische oder die schwedischen Regierungen würde dahinter stecken und hat daher Oslo oder Stockholm interveniert. Inzwischen hat es sich wohl herumgesprochen, daß das Nobel-System völlig unabhängig ist.

20. Es gab auch Kritik von der anderen Seite, wenn man an Henry Kissinger und Le Duc Tho denkt und jüngster Zeit Michail Gorbatschow. Was halten Sie davon, amtierende Politiker mit dem Friedenspreis auszuzeichnen?

20. Hier kann man natürlich geteilter Meinung sein. In jüngster Vergangenheit waren die Laureaten vielleicht weniger kontroversell und sind allgemein als würdige Preisträger akzeptiert worden. Mit der Einschränkung, daß bei Michail Gorbatschow der Westen dachte, er sei nach alle seinen sozialen Reformen - und besonders nachdem was er für die deutschen Wiedervereinigung getan hatte - ein würdiger Preisträger. Auf die Demonstranten in Leipzig ist schließlich nicht geschossen worden. Gorbatschow hat einen wichtigen Beitrag nicht nur für den Frieden in Europa, sondern in der Welt geleistet. Viele Russen sehen hingegen nur die wirtschaftlichen und politischen Schwierigkeiten, die er ihrem Land eingebrockt hat. Die Auswahl des Kandidaten für den Friedenspreis bleibt eine schwierige Entscheidung, weil man ja nicht wissen kann, wie jemand später von der Geschichte beurteilt wird.

21. Wäre Astrid Lindgren eine Kandidatin?

21. Viele Schweden sind dieser Ansicht und mich würde es auch freuen, aber die Mitglieder sind da offensichtlich anderer Meinung.

22. Wie verändert der Nobelpreis das Leben der Laureaten?

22. Das ist sehr unterschiedlich. Die meisten leben weiter, als ob nichts gewesen wäre. Bei einer Nobelpreis-Tagung in Lindau traf ich einen sehr alten Laureaten, der frisch wie ein junger Mann wirkte. Der Nobelpreises hat sein Leben überhaupt nicht verändert. Nach wie vor verbringt er die meiste Zeit in den Laboratorien zu verbringen. Andere wieder engagieren sich zusätzlich zu ihrer wissenschaftlichen Arbeit bei sozialen Aktivitäten und beim Konferenzleben.

23. Werden in der letzter Zeit häufiger Frauen ausgezeichnet?

23. Ja, in den nicht-wissenschaftlichen Gebieten schon. Wenn man davon ausgeht, daß das Auswahlverfahren fair verläuft, dann muß man sagen, daß die Naturwissenschaften immer noch von den Männern beherrscht werden. Aber auch hier nimmt der Einfluß der Frauen langsam aber sicher zu.

24. Kann man die Geschichte der Nobelpreise auch als Spiegelbild der wissenschaftlichen Entwicklung sehen?

24. Man kann sicher die wichtigsten Strömungen der Naturwissenschaften in den Nobelpreise erkennen. Das wissenschaftliche Paradigma prägt indirekt auch die Denkweise der Gesellschaft.

25. Glauben Sie, daß Alfred Nobel, wenn er sehen könnte, was aus seiner Stiftung geworden ist, damit zufrieden wäre?

25. Ich glaube schon, selbst wenn manches anders herausgekommen ist und man nicht gerade junge talentierte Menschen aussucht um ihnen ihre Forschungen zu ermöglichen, wie es Nobel gewünscht hat.

26. Als Idealist wird er gehofft haben, daß seine Stiftung zu einer besseren Welt beitragen würde...

26. Der Kampf um eine bessere Welt wird nie enden und der Weltfriede wird wohl für immer Hoffnung und Utopie bleiben.