Predigten in der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Genf, 2003

 

Gedanken zu Hiob

Vom Hiob der Bibel zum Hiob-Roman von Joseph Roth

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von Felizitas von Schönborn

Unter welchen Umständen Menschen auch leben mögen, ob in der hektischen Geschäftswelt New Yorks, in der kargen Berglandschaft des marokkanischem Atlas oder an den lieblichen Gestaden griechischer Inseln; ob im 21. Jahrhundert oder zu biblischen Zeiten: Sie werden von ähnlichen Fragen bedrängt. „Wer bin ich? Woher komme ich und wohin gehe ich? Wieso geschehen so viele üble Dinge? Weshalb bricht dieses Unheil gerade über mich herein? Warum dieses unerbittliche Schicksal?“ Vor allem die drei Offenbarungsreligionen, das Judentum, das Christentum und der Islam und tun sich schwer mit der Frage, wieso der liebende Gott so schreckliche Dinge geschehen lässt. Letztlich bleibt dieses dunkle Geschehen trotz unzähliger theologischer Schriften, das unerklärliche Geheimnis, die große Herausforderung in Gottes guter Schöpfung, wie sie von allen drei Religionen gepriesen wird.

Der französische Dichter Albert Camus, lässt in seinem Buch „Die Pest“ den Arzt Rieux sagen...“Ich habe eine andere Auffassung von der Liebe und ich werde mich bis in den Tod hinein weigern eine Schöpfung zu lieben, in der Kinder gemartert werden.“ Mit seinem Atheismus, der sich in diesen Worten verbirgt, protestiert Camus gegen die Vorstellung eines Gottes, der eine Welt geschaffen hat, in der es das Leiden und den Tod unschuldiger Wesen gibt.

Vor ungefähr 2500 Jahren entstand das Buch Hiob. Es wurde ins Alte Testament aufgenommen und gilt als eines der großen Werke der Menschheitsdichtung. Spuren dieses biblischen Werkes finden sich auch in Dantes Göttlicher Komödie und im Prolog von Goethes Faust. Hiob gilt als das älteste schriftlich überlieferte Drama mit fortschreitender Handlung, in dem die auftretenden Personen in kunstvollen Reden ihre unterschiedlichen Standpunkte darlegen. Zeit, Ort und Handlung bilden eine Einheit. Das ganze Geschehen spielt sich innerhalb weniger Stunden um Hiobs Krankenlager ab, auf das ihn sein Elend geworfen hat. Das Rätsel des Übels und des Unglücks ist der rote Faden, der das heilige Drama durchzieht. Wird Hiob, der von Gott ungerecht Geschlagene, all seiner Güter Beraubte, dessen Kinder gestorben sind, auf die Worten seiner Frau hören, die ihn auffordert sich gegen Gott zu erheben oder wird er sich ins Unvermeidliche fügen?

Es wird erzählt, dass Gott wie ein orientalischer König hof hält, umgeben von seinen Gottessöhnen, den Engeln. Zum Hofstaat gehört, befremdlicherweise auch Satan, der Widersacher. Er tritt als öffentlicher Ankläger auf. Satan ist soeben von seinem rastlosen Streifzug durch das Erdenrund zurückgekehrt. Gott erkundigt sich nach dem Befinden seines Knechtes Hiob. „Seinesgleichen gibt es nicht auf der Erde; er ist untadelig und rechtschaffen er fürchtet Gott und meidet das Böse.“ Das hat ja wohl auch seinen Grund, erwidert Satan, Du hast ihn mit einer glücklichen Familie und Wohlstand gesegnet. Aber streck nur einmal Deine Hand gegen ihn aus und rühr alles an, was sein ist: wahrhaftig er wird Dir ins Angesicht fluchen.“ Gott nimmt die Wette an und willigt in die Prüfung ein, der sich sein getreuer Knecht zu unterziehen hat. Wie im Zeitrafferverfahren wird nun Hiobs gesamte Existenzgrundlage zerstört und ihm das Liebste entrissen:

Die feindlichen Sabäer morden das Gesinde, rauben die Rinder und Esel, von Blitzen getroffen verbrennen die Schafe in ihren Stallungen, rottende Kaldäer stehlen die Kamele und metzeln die Hirten mit Hieben ihrer scharfen Schwerter nieder. Zur gleichen Zeit sind Hiobs sieben Söhne und vier Töchter beim Mahl im Hause des erstgeborenen Bruders versammelt. Ein gewaltiger fegt Sturm von der Wüste her, packt das Haus an allen vier Ecken, dass es über den jungen Leuten zusammenbricht und sie erschlägt. Als Hiob die sich überstürzenden Schreckensnachrichten erreichen, zerreißt in Verzweiflung sein Gewand, schert sich sein Haar und wirft sich betend zu Boden:

„Nackt kam ich hervor aus dem Schoß meiner Mutter,

und nackt kehre ich darin zurück.

Der Herr hat gegeben, der Herr hat genommen ;

Gelobt sei der Name des Herrn.“

Die menschliche Stärke und das Gottesvertrauen, die Hiob trotz schrecklichster Heimsuchungen befähigen, unverrückbar an seinem Gottvertrauen festzuhalten, fordern den teuflischen Ankläger heraus, noch eine härtere Prüfung auf ihn niederschmettern zu lassen. Sie reizen ihn mit seinem bohrenden Drängen Gott die Erlaubnis zu entlocken, Hiob mit bösartigsten Geschwüren schlagen zu dürfen, die seinen Körper von der Fußsohle bis zum Scheitel übersäen sollen. Diese erneute Leidenserfahrung erscheint Hiobs Frau so unerträglich, dass sie in bitterer Verzweiflung Worte ausstößt, die das atheistisches Weltbild unserer Tage vorwegzunehmen scheinen.

„Hältst du immer noch fest an deiner Frömmigkeit? Lästere Gott und stirb“.

Die Antwort Hiobs, der sich auch durch diesen Schicksalsschlag nicht von seiner Gottesbejahung abbringen lässt, macht ihn zum Prototyp des Gläubigen.

„Nehmen wir das Gute an von Gott, sollen wir dann nicht auch das Böse annehmen?“

Seither sind Hiobs Worte von Menschen nachkommender Generationen in Augenblicken nachgesprochen worden, da sie sich angesichts unverständlich grausamer Schicksalsschläge, an den an den lebensverneinend Abgrund totaler Sinnlosigkeit gedrängt wähnten. Hiobs Gottesergebenheit berührt nicht nur Juden und Christen zu tiefst, sie wird auch von Muslims als authentischer Ausdruck ihrer Verbundenheit mit Gott empfunden.

Nun treten die drei Freunde auf, um Hiob zu belehren. Sie sind zum Inbild eines lieblosen und rechthaberischen Moralisierens geworden. Ihre Belehrungen bestehen im Grunde, aus einer nicht enden wollenden Kette auswendiggelernter Sprichwörter: Gott kann nicht anders als gerecht sein; Der Schuldige wird bestraft; Unglück ist das Los des Bösen; allein Hiobs Verhalten gegenüber Gott ist der Grund, warum er Unglück erfährt. Hiob ist bestraft worden also ist er böse.“ Wer von uns aber wäre, vor einer solchen Besserwisserei anderen gegenüber gefeit, und wer hätte sie nicht schmerzlich am eigenen Leib erfahren? Die Belehrung der drei Freunde tönt in den Ohren Hiobs wie hohles Geschwätz, dem jede Herzenserfahrung fehlt; dieses Geschwätz ist bis heute nicht verklungen.

Hiob war nicht nur an irdischen Dingen, sondern auch an Tugenden reich. Obwohl sich ihm das Wissen um den kosmischen Hintergrund seiner Versuchungen entzieht, verzichtet er darauf, sich von Menschen trösten zu lassen. Er erwartet seine Tröstung allein von Gott, dem Barmherzigen. Eine innere Stimme sagt ihm, dass Gott ihm im Grunde keine Verfehlung vor zuwerfen hat. Vielleicht lässt Gott den Satan auch nur zu gewähren, weil er voraus sieht, dass Hiob aus dem unermesslichen Schmerz über den Verlust all dessen, woran er hing und dem qualvollen Leidens seines Körpers, unversehrt hervorgehen wird.

Das Buch Hiob ist die einzige Schrift des Alten Testaments, in der sich Gott direkt an einen einzelnen Menschen als Individuum wendet. An einen Menschen, der keine geschichtliche Mission zu erfüllen hat, wie zum Beispiel Moses am Sinai oder wie die Propheten. Hiob ist ganz einfach ein Mensch, an sein eigenes Schicksal, an seine einmalige menschliche Existenz gekettet. In seiner Rede dämpft Gott Hiobs Stolz, der wie alle Sterblichen denkt, seinem persönlichen Schicksal käme, in der Unendlichkeit des Universums besonderer Bedeutung zu. Gott mahnt ihn, bescheiden zu sein; er erinnert ihn daran, wie klein der Platz in Wahrheit ist, den er im Weltall einnimmt, in das er trotz seiner Winzigkeit eingefügt ist. Schließlich wendet sich unter Gottes Segen Hiobs Geschick zu einem glückhaften Ende. Hiobs Besitz noch größer als zuvor und er erneut bekommt er sieben Söhne und drei Töchtern geschenkt. Landbesitz und reiche Nachkommenschaft sind die großen Verheißungen des Alten Testaments. Hiobs überwältigenden Gotteserfahrung erschüttert alle philosophischen Denkgebäude und durchbricht alle theologischen Theorien. Denn er kann nun aus vollem Herzen sagen: „Vom Hörensagen nur hatte ich von Dir vernommen; jetzt aber hat mein Auge Dich geschaut.“

C.G Jung unterstreicht in seinem 1952 veröffentlichen Werk „Antwort auf Hiob“, einem Buch, das damals großes Aufsehen erregt hat, wie einzigartig es sei, dass Hiob Hilfe und Beistand von Gott gegen Gott selbst erwarte. Das setze die Vorstellung voraus, wonach in Gott die Gegensätze von Gut und Böse vereint seien. Dieses Geschehen ist für Jung die Verkörperung reiner Transzendenz. Hiob hat im Verlauf seines Gesprächs mit Gott illusionslos das wirklich Ausmaß seiner Armut entdeckt. Anfangs bestand seine „Heiligkeit“ aus seiner Rechtschaffenheit, am Ende aus dem Wissen, um seine radikale Armut vor Gottes Angesicht. Hiob hat erkannt, dass Gottes Pläne, die er meinte „begreifen“ und mit denen er glaubte rechten zu können, seinen menschlichen Horizont sprengen. Er hat erfahren, dass Gott trotz seiner Nähe, das große unauslotbare Geheimnis bleiben wird. Hiob hat die Demut durch die Demut überwunden.

Für den französischen Denker R. Aron ist Hiob „ein existentielles Buch, das den Bedürfnissen einer Zeit, wie der unseren entspricht, die alles in Frage gestellt sieht. Sein Zweck ist es nicht, Antworten zu geben, sondern den Menschen so stark zu machen, dass er sie selbst finden kann“.

Es ist schon einige Jahr her, dass ich Joseph Roths „Hiob. Der Roman eines einfachen Mannes“ zum erstenmal gelesen habe. Es hat mich damals so bewegt, dass mir für einige Zeit, fast die Stimme verschlug, wenn ich von diesem Leserlebnis erzählen wollte. In mir klang wohl eine uralte, geheimnisvolle Sehnsucht nach kindlicher Einfachheit an, nach einem verlorenen geglaubten Paradies, einem ungebrochenen Gottesvertrauen, dem Werden wie die Kinder, von dem im Neue Testament die Rede ist. Erst später sollte ich lesen, dass andere ähnlich empfunden haben. „Wir wissen nicht, wie es geschieht: wir sehen vor uns biblische Gestalten – biblische Gestalten mitten im 20. Jahrhundert“, urteilte ein Kritiker über das Buch, mit dem Roth 1930 Weltruhm erlangte. Ein anderer schrieb: „Dieser Hiob ist eine unvergessliche Figur, so deutlich wie die Figuren des Märchens. Es entstehen vor unseren Augen Bilder eines Russlands, wie wir sie von den Legenden Tolstois kennen.“ Für Stefan Zweig, den Freund und Gönner war, Hiob mehr als Roman und Legende, sondern „eine reine, vollkommene Dichtung, die alles zu überdauern bestimmt ist, was wir, seine Zeitgenossen, geschaffen und geschrieben. An Geschlossenheit des Aufbaus, an Tiefe der Empfindung, an Reinheit, an Musikalität der Sprache kaum zu übertreffen.“

Joseph Roth, 1894 als Sohn jüdischer Eltern in Ostgalizien geboren, wurde als Korrespondent der „Frankfurter Zeitung“ zu einem der erfolgreichsten Journalisten seiner Zeit. Hitlers Machtergreifung zwang ihn zu einem Leben auf der Flucht gezwungen, das ihn von Wien über Marseille und Nizza nach Paris führte. In Paris schrieb er völlig verarmt, von einigen Freunden wie in Stefan Zweig finanziell unterstützt, in kleinen, billigen Hotels seine letzen Meisterwerke. Als Unbehauster trauerte er der österreichisch-ungarischen Monarchie nach und setzte ihr ein letztes großes literarisches Denkmal. Die Nazis haben auch seine Bücher verbrannt. 1939 starb er, vom Alkohol schwer geschädigt, wie in seiner Legende vom Heiligen vorausgeahnt, mit nur fünfundvierzig Jahren, in einem Pariser Krankenhaus einen qualvollen, einsamen Tod. Seine Frau Friedericke, die Jahre zuvor nach langen Anstaltsaufenthalten einer heimtückischen Geisteskrankheit erlegen war, hat er in seinem Buch Hiob in der Gestalt der wunderschönen Gazelle Mirjam porträtiert, der Tochter Mendel Singers.

„Vor vielen Jahren lebte in Zuchnow ein Mann namens Mendel Singer. Er war fromm, gottesfürchtig und gewöhnlich, ein ganz alltäglicher Jude. Er übte den schlichten Beruf eines Lehrers aus. In seinem Haus, das nur aus einer geräumigen Küche bestand, vermittelte er Kindern die Kenntnis der Bibel. Er lehrte mit ehrlichem Eifer und ohne aufsehenerregende Erfolg. Hunderttausende vor ihm hatten wie er gelebt und unterrichtet....Sein Gewissen war rein. Seine Seele war keusch. Er brauchte nichts zu bereuen, und nichts gab es, was er begehrt hätte.“ Diese ersten Sätze erinnern stark an den ersten Absatz des biblischen Hiobbuches, wo es heißt: „Im Lande Uz lebte ein Mann mit Namen Hiob. Dieser Mann war untadelig und rechtschaffen. Er fürchtete Gott und mied das Böse.“

Mendel Singers Frau Deborah gebiert als viertes Kind, den schwerst behinderten Menuchim. Als ihre inbrünstigen Gebete um Heilung nicht erhört werden, wandert sie in tiefer Verzweiflung mit dem zurückgebliebenen Knaben zu einem hellsichtigen Rabbi. Des Rabbis Ruf was so groß, dass vor seiner Tür unzählige Wartenden, lagerten und mit ihnen das namenlose Heer der geschlagene Menschheit: „Sie schliefen auf Pritschen...die Siechen, die Krummen, die Lahmen. Die Wahnsinnigen, die Idiotischen, die Herzschwachen, die Zuckerkranken, die Krebs im Leibe trugen...Frauen mit unfruchtbaren Schoß, Mütter mit missgestalteten Kindern, Männer, denen Gefängnis oder Militärdienst drohte...von der Menschheit Verstoßene, von der irdischen Gerechtigkeit Misshandelte, Bekümmerte, Sehnsüchtige, Verhungernde und Satte, Betrüger und Ehrliche, alle, alle, alle...hoffen auf eine Wunder, auf eine wunderbare Heilung.“

Sie alle, aus dem chassidischen Judentum stammend, über das uns Martin Buber so eindrücklich erzählt hat, sie alle leben aus nichts als der Hoffnung. Als Lea Rabin, die Witwe des ermordeten israelischen Ministerpräsidenten, einmal gefragt wurde, was denn für Sie typisch am Judentum sei, antwortete sie: „Ein Jude sei ein Mensch, der das Prinzip Hoffnung zu seiner Lebensmaxime erhoben habe“.

Deborahs wilde Entschlossenheit trägt sie durch die Menge hindurch bis in des Rabbis Stube: „Er hob die Hand, zwei dürre Finger glaubte sie zu erkennen, Instrumente des Segens. Aber ganz nahe hörte sie die Stimme des Rabbi, obwohl er nur flüsterte:„Menuchim, Mendels Sohn, wird gesund werden. Seinesgleichen wird es nicht viele geben in Israel. Der Schmerz wird ihn weise machen, die Hässlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit stark. Seine Augen werden weit sein und tief, seine Ohren hell und voll Widerhall. Sein Mund wird schweigen, aber wenn er die Lippen auftun wird, werden sie Gutes künden. Hab keine Furcht und geh nach Haus!“

„Wann, wann, wann wird er gesund werden?“ flüsterte Deborah.

„Nach langen Jahren“ sagte der Rabbi,“ aber frage mich nicht weiter, ich habe keine Zeit und ich weiß nichts mehr. Verlass deinen Sohn nicht, auch wenn er dir eine große Last ist, gib ihn nicht weg von dir...“ Deborahs Wangen sind blass, ihre Augen trocken, ihre Lippen leicht geöffnet, als atmeten sie lauter Hoffnung. Die Menge draußen spürt Deborahs Verwandlung und weicht vor ihr zurück. Gnade im Herzen kehrt sie nach Hause.

Als sich die verführerisch Mirjam, die leichtsinnige Gazelle, mit russischen Kosaken einlässt, spürt Mendel Singer, dass er großes Unheil von seiner Familie nur abwenden kann, wenn er mit ihr nach Amerika auswandert. Jenseits des Atlantik lebt bereits einer seiner Söhne, der nun Sam heißt. Bis zum allerletzten Augenblick hoffen Mendel und seine Frau auf eine Wunder. Menuchim soll sich mit heilen Gliedern und vollkommener Sprache von seinem Lager erheben. Doch das Wunder bleibt aus. Menuchim gesundet nicht, und kann wegen seiner Behinderung nicht in die Neu Welt mitreisen. Er wird bei einer befreundeten Familie zurückgelassen.

In der New York öffnen sich der Familie Singer wunderbare Möglichkeiten: Mirijam wird heiraten, Sam macht ein Vermögen und Jonas, der zweite Sohn, der als Soldat verschollen schien, schickt ein erstes Lebenszeichen. Es besteht sogar Hoffnung, Menuchim bald nachkommen zu lassen. „Da verließen zum erstenmal die Sorgen das Haus Mendel Singers. Vertraut waren sie ihm gewesen, wie verhasste Geschwister. Neunundfünfzig wurde er jetzt alt. Seit achtundfünfzig Jahren kannte er sie... Die Zufriedenheit trug er wie ein fremdes geborgtes Kleid...“

Der Mensch denkt und Gott lenkt. Als sich gerade alles zum Guten zu wenden scheint, beginnt die Zeit der großen Bewährung: Krieg bricht aus, Jonas fällt, Mirjam verliert den Verstand und Deborah, die Ehefrau stirbt am gebrochenen Herzen. Am Ende dieser langen Kette schwerster Prüfungen, hat Mendel Singer genug. Sein Maß ist voll. Er erhebt sich gegen Gott und kündigt ihm sein Vertrauen. Doch auch wenn der alte, gläubige Jude in seinem Zorn aufgebärt, es gelingt ihm doch nicht seine Verbundenheit mit Gott wie ein verschlissenes Kleidungsstück wegzulegen: „Ich bete nicht! Sagte sich Mendel. Aber es tat ihm weh, dass er nicht betete. Sein Zorn und die Machtlosigkeit dieses Zornes schmerzten ihn.“ Roths Hiob fällt zwar in völlige Gottesverlassenheit. Aber seine Freunde verlassen ihn nicht. Trotz Mendels Blasphemie verstoßen sie ihn nicht aus ihrer Gemeinschaft. Weiterhin darf er als stummer Gast und Beisitzer an ihren religiösen Feiern teilnehmen. Sie bewahren ihn vor dem endgültigen Verlust seiner religiösen Wurzeln.

An einem Osterabend tritt endlich die Wende ein, erfüllt sich die Zeit, wird das heißersehnte Wunder Wirklichkeit. Wie es hellgesichtige Rabbi geweissagt hatte, gab es nicht viele wie Menuchim in Israel. Menuchim wird zu verborgenen Messiasgestalt, er verkörpert die Erfüllung aller Hoffnungen. Mendel erfährt an diesem Osterabend, dass sein schwerst behinderter Sohn lebt, dass er geheilt worden und ein weltberühmter Komponist und Dirigent geworden ist. Er ist nach New York gekommen, um nach seinem alten Vater zu suchen. Der Schmerz hat Menuchim weise gemacht hat, die Hässlichkeit gütig, die Bitternis milde und die Krankheit stark. Er hat Mendels Vertrauen in Gott ist wieder hergestellt, der voll dankbarer Freude erfüllt ausruft: „Gott ist so groß, dass unsere Schlechtigkeit ganz klein wird.“

Am blassblauen Himmel standen ein paar weiße Wölkchen. Unter diesem blauen Himmel war es Mendel recht im stillen, zu glauben, dass Jonas sich einmal wieder einfinden und Mirjam heimkehren würde „schöner als alle Frauen der Welt“. Er selbst sollte nach vielen Jahren, in den guten Tod eingehen, umringt von vielen Enkeln und „satt am Leben“, wie es im Buch Hiob der Bibel heißt. Wie Mendel Singer lebt auch der Glaube des chassidischen Judentums aus der Botschaft, dass die Trennung von „Leben in Gott“ und „Leben in der Welt“ in echter konkreter Einheit überwunden und die heillose Gespaltenheit, die Wurzel aller Sünde geheilt werden wird. Aus der Erlösung des Alltags wächst der All-Tag, der große Tag der Erlösung.

Als dereinst ein Rabbi gefragt wurde, wie es käme, dass Gott sich früher den Menschen so oft gezeigt habe, ihn heutzutage aber niemand mehr ihn zu sehen bekomme, antwortete er: „Heutzutage gibt es niemanden mehr, der sich tief genug bücken kann.“

 


Felizitas von Schönborn, Schriftstellerin

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